
Führung war lange Zeit ein exklusives Spielfeld für Einzelpersonen: Eine Position, eine Person, volle Verantwortung. Doch ein neues Modell gewinnt zunehmend an Bedeutung – Jobsharing in Führungspositionen. Dabei teilen sich zwei Führungskräfte eine Rolle, oft mit flexiblen Arbeitszeiten und komplementären Fähigkeiten.
Während einige Unternehmen Jobsharing als innovative Lösung für die moderne Arbeitswelt sehen, gibt es auch Skepsis: Funktioniert geteilte Führung wirklich? Können zwei Personen gemeinsam effizient Entscheidungen treffen? Oder ist Jobsharing am Ende eine Karrierebremse?
Warum sich immer mehr Führungskräfte eine Position teilen
Die Anforderungen an Führungskräfte haben sich verändert. Globalisierung, Digitalisierung und der gesellschaftliche Wertewandel sorgen dafür, dass klassische Karrieremodelle hinterfragt werden. Besonders Work-Life-Balance, Diversität und Agilität stehen heute stärker im Fokus.
Für viele talentierte Fachkräfte ist eine Führungsposition attraktiv – aber nicht um den Preis von 60-Stunden-Wochen und permanenter Erreichbarkeit. Gerade für Eltern, Teilzeitkräfte oder Menschen mit anderen beruflichen oder privaten Verpflichtungen bietet Jobsharing eine Chance, Karriere und Privatleben zu vereinbaren, ohne auf Verantwortung zu verzichten.
Zudem können Unternehmen durch Jobsharing neue Führungstalente gewinnen, die sich sonst gegen eine klassische Führungsrolle entschieden hätten.
Wie Jobsharing in der Führung funktioniert
Jobsharing ist mehr als Teilzeit auf Führungsebene. Damit das Modell funktioniert, braucht es klare Regeln und eine gut abgestimmte Zusammenarbeit.
1. Tandem-Modelle: Zwei Köpfe, eine Position
Beim klassischen Jobsharing teilen sich zwei Führungskräfte eine Stelle mit klar definierten Verantwortlichkeiten. Es gibt verschiedene Varianten:
- Splitting-Modell: Jede Person übernimmt unterschiedliche Aufgabenbereiche (z. B. einer für Strategie, einer für Tagesgeschäft).
- Mirror-Modell: Beide teilen sich alle Aufgaben gleichwertig und vertreten sich gegenseitig.
- Hybrid-Modell: Eine Kombination aus beiden Ansätzen, je nach Unternehmensstruktur.
Beispiel:
Ein großes deutsches Versicherungsunternehmen hat eine Co-CEO-Struktur, bei der zwei Geschäftsführer gemeinsam strategische Entscheidungen treffen und verschiedene Kernbereiche leiten.
2. Entscheidungsfindung im Doppelpack
Ein häufiges Argument gegen Jobsharing in Führungspositionen ist die Frage: Wie können zwei Menschen gemeinsam entscheiden?
Die Antwort liegt in klarer Kommunikation und Struktur:
- Regelmäßige Abstimmungen, um einheitliche Entscheidungen zu gewährleisten
- Klare Definition, wer welche Kompetenzen hat
- Vertrauen in die jeweils andere Person
Viele erfolgreiche Tandems berichten, dass sie durch gegenseitiges Sparring bessere Entscheidungen treffen, weil sie unterschiedliche Perspektiven einbringen.
3. Vorteile für Unternehmen und Mitarbeitende
- Mehr Vielfalt in der Führungsebene: Durch Jobsharing können mehr Frauen und Menschen mit Teilzeitmodellen Führungsrollen übernehmen.
- Bessere Entscheidungen: Zwei Personen bringen unterschiedliche Stärken und Sichtweisen ein – das kann strategische Entscheidungen verbessern.
- Höhere Zufriedenheit & weniger Burnout: Führungskräfte im Jobsharing sind oft ausgeglichener, weil sie Verantwortung teilen und sich gegenseitig entlasten können.
- Höhere Flexibilität: Krankheitsausfälle, Elternzeiten oder Sabbaticals lassen sich leichter kompensieren.
Die Herausforderungen von Jobsharing in Führungspositionen
Trotz aller Vorteile gibt es auch Herausforderungen, die Unternehmen berücksichtigen müssen.
- Akzeptanz in der Unternehmenskultur
Nicht alle Unternehmen sind bereit, klassische Führungsstrukturen aufzubrechen. Skepsis gegenüber geteilter Verantwortung kann dazu führen, dass Jobsharing-Tandems kritischer beobachtet werden als Einzelpersonen. - Erhöhter Abstimmungsaufwand
Ein Jobsharing-Modell erfordert mehr Kommunikation als eine Einzelrolle. Missverständnisse oder unklare Zuständigkeiten können zu Problemen führen. - Langfristige Karriereentwicklung
Viele Führungskräfte fragen sich: Beeinträchtigt Jobsharing meine Aufstiegschancen?
Solange das Modell noch nicht flächendeckend etabliert ist, kann es schwieriger sein, den nächsten Karriereschritt in einer Einzelrolle zu gehen.
Für wen eignet sich Jobsharing in der Führung?
Jobsharing ist nicht für jede Führungskraft oder jede Branche geeignet. Es funktioniert besonders gut in Team-orientierten, flexiblen und agilen Unternehmen.
Geeignet für:
- Führungskräfte, die Work-Life-Balance priorisieren
- Unternehmen, die Diversität und innovative Arbeitsmodelle fördern
- Branchen mit hohem Kommunikationsbedarf und kreativen Prozessen
Weniger geeignet für:
- Stark hierarchische Unternehmen mit traditionellen Strukture
- Hochpolitische Positionen, in denen eine einzelne Person als Gesicht des Unternehmens gefragt ist
Jobsharing als Zukunftsmodell oder Karrierebremse?
Ob Jobsharing die Zukunft der Führung ist oder eine Nische bleibt, hängt davon ab, wie Unternehmen mit dem Modell umgehen.
Wenn Unternehmen Jobsharing bewusst fördern, kann es eine Lösung für moderne Karrieremodelle sein. Mehr Vielfalt in Führungsebenen, bessere Entscheidungen durch Teamarbeit und mehr Lebensqualität für Führungskräfte sind starke Argumente.
Wenn jedoch alte Hierarchien bestehen bleiben und geteilte Führung nicht ernst genommen wird, könnte das Modell scheitern. Es wird nur dann langfristig funktionieren, wenn Unternehmen es als gleichwertige Alternative zur klassischen Einzelkarriere sehen.
Ein Blick auf internationale Konzerne zeigt jedoch, dass Jobsharing auf dem Vormarsch ist. Unternehmen wie SAP, Siemens oder Unilever haben bereits erfolgreiche Co-Leadership-Modelle eingeführt – und profitieren von den positiven Effekten.
Führung muss neu gedacht werden
Die klassische Vorstellung, dass eine Führungsposition nur von einer Person besetzt werden kann, wird zunehmend hinterfragt. Jobsharing bietet eine moderne Alternative, die nicht nur für Führungskräfte, sondern auch für Unternehmen Vorteile bringt.
Die Zukunft wird nicht „entweder-oder“ sein, sondern Hybrid-Modelle aus Einzel- und Tandem-Führung. Unternehmen, die flexible Modelle ermöglichen, können langfristig mehr Talente binden und innovative Führungskonzepte umsetzen.
Ob Jobsharing eine Karrierebremse ist oder neue Möglichkeiten eröffnet, liegt am Unternehmen – und an den Führungskräften selbst. Wer bereit ist, Zusammenarbeit neu zu denken, kann in einem Tandem-Modell effektiver, kreativer und zufriedener arbeiten.